Mein ganz normales Expat-Leben-Light

Es ist Freitag, 7:30 Uhr, ich sitze gerade am Flughafen Stuttgart und warte auf meinen Flug nach Graz. Das ist unsere 14-tägige Routine seit wir in Deutschland leben. Stimmt nicht ganz, normalerweise fliegen wir von Düsseldorf nach Graz. Aber gestern war ich bei einer beruflichen Veranstaltung in Stuttgart, darum nehme ich den Direktflug von Stuttgart nach Graz. Ich werde im Flugzeug und am Flughafen arbeiten, ab Mittag habe ich Gleitzeit. Gott sei Dank gibt es flexibles Arbeiten in meiner Firma.

Seit mittlerweile 8 Monaten ist unser Hauptwohnsitz in Düsseldorf. Ich frage mich gerade, ob wir ein Expat-Leben führen? Oder gilt das nur für fernere Locations? Ist Deutschland zu nah und zu ähnlich? Vielleicht. Egal. Es fühlt sich für mich an wie ein Expat-Leben, sagen wir halt Lightversion dazu. Wie schon geschrieben, fliegen wir jeden 2. Freitag nach Österreich. Der Grund sind die zwei Töchter meines Mannes. Unsere Prämisse bevor wir auswanderten: für die Kinder darf sich nichts verändern. Wir sehen sie genauso regelmäßig wie zuvor. Ich werde heute um 10:00 Uhr in Graz landen, arbeite am Flughafen noch eine Stunde weiter, hole das Mietauto ab und fahre dann zur Volksschule unser 10-jährigen außerhalb von Graz. Im Anschluss holen wir die 12-jährige von ihrer Schule in der Grazer Innenstadt ab. Mein Mann landet um 18 Uhr. Wir fahren in der Zwischenzeit schon mal zu meinen Eltern ins Mürztal, unser Wochenend-Refugium. Dann gibt es 2 Tage Familienleben pur, am Sonntag um 17:30 fliegen wir wieder retour. Heute hole ich die Kinder ab, das nächste Mal wieder mein Mann und ab und zu auch mal Oma und Opa. Logistik und Timing bestimmen unser Leben.

Apropos Timing: Das ist oftmals sehr schlecht zwischen meinem Mann und mir. Ich bin gestern Nachmittag in Stuttgart angekommen. Er war auch in der Stadt, schon seit Mittwoch. Gesehen haben wir uns nicht. Beide hatten wir Termine. Das ist auch Routine. Ich in Köln, er in Berlin. Ich in Berlin, er in Baden-Baden. Logistik und Abstimmung bestimmen wie gesagt unser Leben. Nächste Woche habe ich Geburtstag und wir haben es hinbekommen, dass wir beide abends in Hamburg sind. Juhu! Klingt anstrengend? Ja, das ist es oft auch. Aber auch sehr aufregend 🙂 Wir lernen gerade Deutschland kennen, das finde ich super spannend. Ich weiß, viele Österreicher mögen Deutsche nicht. Ich mag Deutschland und die Menschen hier noch viel mehr. Vielleicht nicht alle 82 Millionen, aber die, die ich bis jetzt kennengelernt habe.

Als mein Mann das Jobangebot in Düsseldorf bekommen hat, haben wir schnell entschieden, dass wir beide nach Deutschland übersiedeln. Ich hätte zwar die Möglichkeit gehabt, weiterhin in Österreich selbständig zu arbeiten. Das wollte ich aber – hauptsächlich wegen den sozialen Kontakten – nicht. Im Nachhinein war das die richtige Entscheidung. Durch meine Arbeit bei der VDV-Akademie habe ich sehr nette Menschen kennengelernt. Würde ich nicht festangestellt in Deutschland arbeiten, wäre das weit schwieriger. Denn Kontakte außerhalb des beruflichen Kontextes schließen wir wenige. Nicht weil wir scheue oder unsoziale Wesen sind, es lässt unsere Zeit einfach nicht zu. Unter der Woche arbeiten wir viel, inklusive Abendtermine und Inlandsreisen, jedes 2. Wochenende reisen wir nach Graz. Und jedes andere 2. Wochenende brauchen wir Erholung, Zeit für uns und Zeit für Alltägliches, wie z.B. Wäsche in die Reinigung bringen oder Großeinkäufe erledigen, damit unser Kühlschrank nicht ständig leer ist.

Mir ist es wichtig diese Zeilen zu schreiben, weil ich oft ein schlechtes Gewissen habe. Ich bin momentan sehr kontaktfaul zu meinen österreichischen Freunden, wenige WhatsApp-Nachrichten, keine Anrufe, schon gar keine Treffen. Meistens bin ich einfach zu müde. Ich denke oft an euch alle, und bin sehr glücklich, wenn ich Postings von euch auf Instagram oder Facebook sehe. Oder wenn ich in Gruppenchats mitlese, wo ihr euch gerade trefft. Ich hätte mir vorgenommen, dass ich euch immer wieder mal sehe, wenn wir in Österreich sind. Aber ehrlicherweise genießen wir es, oft einfach nur zu Hause zu sein. Ich bin aber sehr zuversichtlich, dass das viele meiner Freundschaften aushalten werden.

Falls dieses Posting müde klingt, dann liegt es daran, dass es 7:30 Uhr ist 🙂 Nicht meine Lieblingszeit. Ich entwickle mich zwar durch meine Pendlerei von Düsseldorf nach Köln zu einer Frühaufsteherin, meine Laune wird morgens dadurch aber nicht besser. Summa Summarum geht es mir sehr gut und ich fühle mich richtig wohl in Deutschland. Mein Job macht mir große Freude, meine KollegInnen sind wunderbar und ich erlebe gerade viele neue, aufregende Geschichten. Es würde so vieles geben, über das ich  schreiben möchte, aber ihr wisst ja: Logistik und Timing bestimmen gerade mein Leben 😉

4 Gedanken zu „Mein ganz normales Expat-Leben-Light“

  1. Phänomenal, wie eloquent Du um 7:30 schreiben kannst! Glaub mir, viel öfter hätten wir uns in Österreich auch nicht gesehen. Aber dafür sind ja Freundschaften da – einfach dann anknüpfen, wenn‘s mal wieder passt! Wir freuen uns auf Mai😘

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